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Mein Weg aus der Nikotinsucht mit Champix

7 min read Updated March 29, 2026

Mein Weg aus der Nikotinsucht mit Champix

Ich heiße Sabine Schmidt, bin 39 Jahre alt und lebe seit 15 Jahren in Berlin-Kreuzberg. Seit dem 14. Mai 2025 bin ich rauchfrei. Zehn Monate und ein paar Tage. Jeder einzelne Tag davon war es wert, und ich möchte euch erzählen, warum und wie ich es geschafft habe.

Eine Berlinerin und ihre Zigaretten

In Berlin gehört das Rauchen zum Lebensgefühl. Zumindest hat es sich für mich so angefühlt. Ich bin Grafikdesignerin, arbeite freiberuflich, sitze viel in Cafés in Neukölln oder Kreuzberg und starre auf meinen Laptop. Und dabei habe ich geraucht. Immer.

Angefangen hat es mit 23, auf einer WG-Party in Friedrichshain. Ich studierte damals Kommunikationsdesign an der UdK und war ständig auf irgendwelchen Partys oder Vernissagen. Alle rauchten. Es war 2010, und in Berlin war Rauchen noch überall erlaubt. Jemand hat mir eine Lucky Strike angeboten, und ich fand mich wahnsinnig cool damit. Innerhalb eines Monats war ich süchtig.

16 Jahre lang habe ich dann geraucht. Meist Gauloises Blondes, manchmal L&M, wenn das Geld knapp war. Als Freiberuflerin schwankt das Einkommen, aber für Zigaretten war immer Geld da. Das sagt eigentlich alles über Sucht.

Mein Raucherleben

Ich habe durchschnittlich 15 Zigaretten am Tag geraucht. Morgens zum ersten Kaffee, dann auf dem Weg zum Café, in der Arbeitspause vor der Tür, abends auf dem Balkon mit einem Glas Wein. Am Wochenende beim Brunchen mit Freundinnen, nachts auf Partys. Berlin bietet so viele Gelegenheiten zum Rauchen, es ist unglaublich.

Mein Lieblingsort war der Landwehrkanal. Im Sommer saß ich dort auf der Wiese mit meinem Skizzenbuch, einer Mate und einer Zigarette. Das war mein Moment der Ruhe. So habe ich es mir jedenfalls eingeredet. In Wahrheit war es Sucht, nicht Entspannung.

Mein Freund Markus hat auch geraucht. Wir haben uns sogar beim Rauchen kennengelernt, vor einer Bar in der Oranienstraße. Das klingt romantisch, war aber einfach nur zwei Nikotinsüchtige, die sich vor der Kneipe unterhalten haben.

Warum ich aufhören wollte

Der Auslöser war im April 2025. Meine Schwester Anna hatte ihr erstes Kind bekommen, die kleine Frieda. Als ich Frieda zum ersten Mal besucht habe, hat Anna mich gebeten, vorher nicht zu rauchen. Ich habe es versucht, aber Anna hat mich trotzdem gerochen. Sie hat nichts gesagt, aber ich habe den Blick gesehen. Dieses leichte Zusammenziehen der Augenbrauen, dieses kaum merkliche Zurückweichen, als ich mich über die Wiege beugte.

In diesem Moment habe ich mich so geschämt. Meine Nichte, dieses winzige perfekte Wesen, und ich stinke nach Qualm. Ich konnte sie nicht mal richtig in den Arm nehmen, ohne mir Sorgen zu machen, ob der Rauch in meinen Haaren und meiner Kleidung ihr schadet.

Dazu kam: Ich war 38 und hatte Kinderwunsch. Mein Gynäkologe Dr. Fischer hatte mir klar gesagt, dass Rauchen die Fruchtbarkeit deutlich verringert. Wenn ich selbst ein Kind haben wollte, musste ich aufhören. Nicht irgendwann. Jetzt.

Der Weg zu Champix

Ich bin zu meiner Hausärztin Dr. Nowak in Kreuzberg gegangen und habe gesagt: „Ich will aufhören. Richtig. Für immer.” Sie hat mit mir verschiedene Optionen besprochen: Pflaster, Kaugummi, E-Zigarette, kalter Entzug. Und dann hat sie Champix erwähnt.

Champix enthält den Wirkstoff Vareniclin. Das Medikament wirkt auf die Nikotinrezeptoren im Gehirn. Es blockiert teilweise die Wirkung von Nikotin und reduziert gleichzeitig das Verlangen danach. Man fängt schon an, das Medikament zu nehmen, während man noch raucht, und setzt dann einen Rauchstopptag fest.

Dr. Nowak hat mir erklärt, dass Champix in Studien die höchste Erfolgsrate aller Raucherentwöhnungsmethoden hat. Etwa 44 Prozent der Anwender sind nach einem Jahr noch rauchfrei. Das klang nicht nach viel, bis sie mir sagte, dass bei kaltem Entzug die Quote bei 3 bis 5 Prozent liegt. Da wird 44 Prozent plötzlich sehr attraktiv.

Sie hat mir auch die Nebenwirkungen erklärt: Übelkeit, lebhafte Träume, manchmal Stimmungsschwankungen. Wir haben besprochen, dass ich sofort anrufen soll, wenn sich meine Stimmung stark verändert. Dann hat sie mir ein Rezept ausgestellt.

Die Champix-Therapie

Champix wird nach einem festen Schema eingenommen. In der ersten Woche nimmt man eine niedrigere Dosis: In den ersten drei Tagen eine halbe Tablette (0,5 mg) einmal täglich, dann vom vierten bis zum siebten Tag eine halbe Tablette zweimal täglich. Ab der zweiten Woche dann die volle Dosis: eine ganze Tablette (1 mg) zweimal täglich. Der Rauchstopptag liegt in der zweiten Woche.

Ich habe am 7. Mai 2025 mit der Einnahme begonnen. In der ersten Woche habe ich noch geraucht, aber etwas Merkwürdiges passierte: Die Zigaretten schmeckten immer weniger gut. Am dritten Tag habe ich eine angezündet und gedacht: „Das ist ja eklig.” Am fünften Tag habe ich nur noch acht statt fünfzehn geraucht. Am siebten Tag musste ich mich richtig zwingen.

Meinen Rauchstopptag habe ich auf den 14. Mai gelegt. Und es war erstaunlich: Das furchtbare Verlangen, das ich von früheren Versuchen kannte, war stark gedämpft. Es war da, ja. Aber wie hinter einer Glasscheibe. Ich konnte es sehen, aber es konnte mich nicht erreichen.

Die Nebenwirkungen

Ich will ehrlich sein: Die Übelkeit war heftig. Besonders in den ersten zwei Wochen mit der vollen Dosis. Mir war morgens regelmäßig schlecht. Dr. Nowak hatte mir geraten, die Tabletten immer mit einer Mahlzeit zu nehmen und viel Wasser zu trinken. Das hat geholfen, aber nicht alles weggenommen.

Die Träume waren das Seltsamste. Jede Nacht hatte ich die verrücktesten, lebhaftesten Träume. Nicht unbedingt Albträume, eher wie besonders intensive Filme. Einmal habe ich geträumt, ich fahre mit dem Fahrrad durch den Tiergarten, und plötzlich sind alle Bäume aus Glas. So etwas in der Art, jede Nacht. Markus fand das amüsant. Ich fand es anstrengend, weil ich nie richtig ausgeschlafen war.

Die Stimmungsschwankungen waren mild, aber spürbar. In der dritten Woche hatte ich zwei Tage, an denen ich grundlos traurig war. Nicht depressiv, aber traurig. Ich habe Dr. Nowak angerufen, sie hat gesagt, das sei im Rahmen des Normalen, und ich solle mich melden, wenn es schlimmer wird. Es wurde nicht schlimmer.

Die Herausforderungen

Das Schwierigste war nicht der körperliche Entzug. Champix hat den erstaunlich gut abgefedert. Das Schwierigste waren die Gewohnheiten und die sozialen Situationen.

Berlin im Sommer ist eine einzige Einladung zum Rauchen. Draußen sitzen, Spätis auf der Straße, Grillabende im Volkspark Friedrichshain. Überall wird geraucht. Meine Freundesgruppe besteht zu etwa der Hälfte aus Rauchern, und plötzlich musste ich mich neu positionieren.

Am härtesten war ein Abend Anfang Juni. Wir saßen in einer Bar in Neukölln, draußen natürlich, und alle rauchten. Ich saß mittendrin und konnte den Rauch riechen, und mein Körper hat reagiert. Speichelfluss, kribbelnde Finger, dieses Ziehen in der Brust. Ich habe mein Glas Sprudel festgehalten und mir immer wieder gesagt: „Du brauchst das nicht. Du willst das nicht. Das ist die Sucht, die spricht, nicht du.”

Markus hat in diesem Moment seine Zigarette ausgemacht und gesagt: „Lass uns reingehen.” Er hat das für mich getan, ohne dass ich ihn darum bitten musste. So etwas vergisst man nicht.

Markus selbst hat zu dem Zeitpunkt noch geraucht. Aber er hat nie vor mir geraucht, seit ich aufgehört habe. Drei Monate später hat er selbst aufgehört. Auch mit Champix. Inzwischen sind wir beide rauchfrei. Das fühlt sich an wie ein gemeinsamer Sieg.

Die Kreativitätsfrage

Als Grafikdesignerin hatte ich immer das Gefühl, dass Rauchen zu meinem kreativen Prozess gehört. Die Zigarettenpause war die Denkpause. Der Rauch war die Muse. So ein Quatsch.

In den ersten Wochen ohne Zigaretten war ich tatsächlich weniger konzentriert. Aber das lag am Entzug, nicht am fehlenden Nikotin. Nach etwa sechs Wochen hat sich etwas verändert. Ich konnte plötzlich länger am Stück arbeiten, ohne alle 30 Minuten aufstehen zu müssen. Meine Produktivität ist messbar gestiegen. Ich habe im August drei Projekte gleichzeitig bearbeitet und alle fristgerecht abgeliefert. Das war vorher nicht möglich.

Die Belohnung

Heute, zehn Monate später, fühle ich mich wie ein anderer Mensch. Meine Haut ist besser. Meine Zähne sind weißer, seit ich sie professionell reinigen lassen habe. Ich rieche gut. Meine Wohnung riecht gut. Meine Kleidung riecht gut.

Finanziell habe ich in zehn Monaten etwa 2.200 Euro gespart. Davon habe ich mir ein neues Grafiktablett gekauft, ein Wacom Cintiq, das ich mir vorher nie geleistet hätte. Der Rest liegt auf einem separaten Sparkonto. Das nenne ich mein „Nichtraucher-Konto”.

Und das Wichtigste: Ich kann Frieda in den Arm nehmen, ohne mir Gedanken zu machen. Ich kann mein Gesicht in ihre Haare drücken und sie riechen, diesen unglaublichen Babyduft, den ich vorher unter einer Schicht Rauchgestank nie wahrgenommen hätte.

Was ich anderen mitgeben möchte

Champix ist kein Wundermittel. Es nimmt dir nicht die Arbeit ab. Aber es nimmt dir die schlimmste Last von den Schultern, sodass du die Arbeit überhaupt leisten kannst. Du musst trotzdem deine Gewohnheiten ändern, deine Trigger erkennen und einen Plan haben, wie du mit schwierigen Momenten umgehst.

Sprich mit deinem Arzt oder deiner Ärztin. Champix ist verschreibungspflichtig, und das ist auch gut so, weil die ärztliche Begleitung wichtig ist. Die Kosten werden von den meisten gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland nicht übernommen, aber manche bieten Zuschüsse im Rahmen von Raucherentwöhnungsprogrammen. Frag einfach bei deiner Krankenkasse nach.

Und wenn du in Berlin lebst und denkst, dass diese Stadt ohne Zigarette keinen Spaß macht: Ich verspreche dir, sie macht sogar mehr Spaß. Weil du sie endlich richtig erlebst, mit allen Sinnen, ohne den Filter aus Rauch und Gestank.

Ich bin Sabine, ich bin 39, und ich bin Nichtraucherin. Und das fühlt sich verdammt gut an.