21 Jahre geraucht, dann befreit: Mein Weg mit Nikotinkaugummi
Ich bin Birgit Neumann, 44 Jahre alt, und ich lebe in Dresden. Am 19. Juni 2024 habe ich die letzte Zigarette meines Lebens geraucht. Nach 21 Jahren. Heute, fast zwei Jahre später, bin ich rauchfrei, und ich verdanke meinen Erfolg zu einem großen Teil dem Nicorette Kaugummi. Aber vor allem verdanke ich ihn mir selbst und den Menschen, die an mich geglaubt haben.
Meine Rauchergeschichte beginnt 2003. Ich war 21, gerade fertig mit meiner Ausbildung zur Friseurin und in meinem ersten Salon in der Dresdner Neustadt. Der Salon hieß Haargenau, ein kleiner Laden mit drei Stühlen, einer Chefin, die Kette rauchte, und einer Kollegin, die es genauso tat. Im Hinterzimmer stand immer ein voller Aschenbecher, und in den Pausen zwischen den Kundinnen haben wir uns eine angezündet. Ich wollte nicht die Außenseiterin sein. Also habe ich mitgeraucht.
Es begann mit fünf Zigaretten am Tag. Dann zehn. Nach einem Jahr war ich bei einer Schachtel. Pall Mall Blau, weil die am günstigsten waren und ich als Friseurin nicht viel verdiente. Und so blieb es, plus minus, für die nächsten zwei Jahrzehnte. Eine Schachtel am Tag, manchmal anderthalb, selten weniger. 21 Jahre lang, jeden einzelnen Tag.
Mein Alltag als Raucherin war komplett um die Zigarette herum gebaut. Morgens um sechs die erste, noch im Bett, bevor ich überhaupt richtig wach war. Dann eine beim Kaffee, eine auf dem Weg zum Salon, zwei in der Morgenpause, eine zwischen jeder Kundin, drei in der Mittagspause, und so weiter bis abends. Ich habe ausgerechnet, dass ich alle 45 Minuten eine Zigarette brauchte. Wenn es mal länger dauerte, weil eine Kundin eine aufwendige Farbbehandlung wollte, wurde ich nervös, unkonzentriert, gereizt. Die Zigarette bestimmte meinen Takt.
Was mich am meisten belastet hat, war der Geruch. Als Friseurin stehe ich den ganzen Tag nah an den Menschen. Ich rieche ihr Haar, ihr Parfüm, und sie riechen mich. Ich habe versucht, den Rauchgeruch zu überdecken: Handcreme, Pfefferminz, Parfüm. Aber ich habe gewusst, dass die Kundinnen es rochen. Einmal hat eine ältere Dame, eine Stammkundin, zu mir gesagt: Frau Neumann, Sie riechen wieder nach Rauch. Nicht vorwurfsvoll, einfach feststellend. Aber es hat mich getroffen wie ein Stich.
2014 habe ich meinen ersten Aufhörversuch gemacht, mit dem Buch von Allen Carr. Ich habe es an einem Wochenende durchgelesen und war kurzzeitig euphorisiert. Drei Wochen habe ich durchgehalten, dann kam der Stress mit meinem damaligen Partner, und ich war wieder drin. 2018 habe ich es mit einem Raucherentwöhnungskurs bei der AOK in Dresden probiert. Sechs Abende, Gruppentherapie, Atemübungen. Es war gut, aber ich habe nach dem Kurs den Halt verloren und nach zwei Monaten wieder angefangen. 2021, während der Pandemie, habe ich versucht, auf E-Zigarette umzusteigen. Das hat funktioniert, aber nur teilweise. Ich habe beides parallel benutzt, was natürlich der absolut falsche Weg war.
Der Moment, der alles verändert hat, kam im Mai 2024. Ich hatte seit einigen Monaten einen neuen Partner, Thomas, der nie geraucht hat. Er hat nie Druck gemacht, nie gesagt, ich solle aufhören, aber ich habe gemerkt, wie es ihn störte. Nicht mich als Person, sondern die Zigarette. Wenn ich ihn küsste und er danach das Gesicht verzog. Wenn er den Aschenbecher auf dem Balkon sah und wegsah. Wenn er morgens das Schlafzimmerfenster aufriss, weil die Nacht nach Rauch roch. An einem Sonntagmorgen lag ich neben ihm und dachte: Ich will, dass es nach uns riecht in diesem Zimmer. Nicht nach Qualm.
Am nächsten Tag bin ich in die Apotheke am Altmarkt gegangen und habe mir Nicorette Kaugummi gekauft. Die 4-Milligramm-Variante, Geschmacksrichtung Freshmint, wie die Apothekerin mir empfohlen hatte, weil ich eine starke Raucherin war. Sie hat mir erklärt, wie man sie richtig kaut: nicht wie normales Kaugummi, sondern langsam kauen, bis es kribbelt, dann zwischen Zahnfleisch und Wange parken, warten, wieder kauen. Das Nikotin wird über die Mundschleimhaut aufgenommen, nicht über den Magen.
Am 19. Juni 2024, einem Mittwoch, habe ich aufgehört. Ich habe mir dieses Datum ausgesucht, weil es der längste Tag des Jahres war. Sommersonnenwende. Der Tag, an dem das Licht am längsten scheint. Ein symbolischer Neuanfang, dachte ich mir. Und so sollte es sein.
Die ersten Tage habe ich etwa zehn Kaugummis am Tag gekaut. Immer wenn das Verlangen kam, habe ich einen ausgepackt und nach der vorgeschriebenen Methode benutzt. Das Kribbeln im Mund war anfangs ungewohnt, fast unangenehm, aber es hat gewirkt. Das schlimmste körperliche Verlangen wurde abgefangen. Nicht komplett, aber genug, um durchzuhalten. Die ersten drei Tage habe ich mich trotzdem gefühlt, als würde ich neben mir stehen. Alles war irgendwie unwirklich, als hätte jemand die Farben aus meinem Leben gedreht.
Mein schwierigster Trigger war die Arbeit. Im Salon, wo ich inzwischen als stellvertretende Filialleiterin arbeite, rauchen noch zwei Kolleginnen. Die Sabine und die Kerstin, beides liebe Frauen, mit denen ich seit Jahren in den Pausen draußen stand. Als ich ihnen gesagt habe, dass ich aufhöre, hat Sabine gesagt: Birgit, du doch nicht. Du rauchst doch am meisten von uns allen. Nicht böse gemeint, aber es hat gezeigt, wie sehr das Rauchen zu meiner Identität gehörte. Ich war die Birgit, die immer eine Zigarette im Mund hatte. Und jetzt musste ich herausfinden, wer die Birgit ohne Zigarette war.
In den Pausen bin ich nicht mehr mit rausgegangen. Stattdessen habe ich mir angewöhnt, im Aufenthaltsraum einen Tee zu trinken und durch mein Handy zu scrollen oder mit den anderen Kolleginnen zu plaudern, die nicht rauchten. Die Nadja, unsere jüngste Mitarbeiterin, 24, hat nie geraucht, und wir haben angefangen, in den Pausen zusammen kleine Spaziergänge zum Elbufer zu machen. Zehn Minuten hin, zehn Minuten zurück. Das wurde unser Ritual, und es hat mir unendlich geholfen.
Thomas war mein Fels. Er hat mir nie Vorwürfe gemacht, wenn ich gereizt war. Er hat mich nicht kontrolliert, nicht gefragt, ob ich durchhielt. Er hat einfach für mich gekocht, mich zum Spazierengehen mitgenommen und mir abends den Rücken massiert, wenn ich vor Anspannung fast geplatzt bin. Einmal, in der zweiten Woche, bin ich abends auf dem Sofa in Tränen ausgebrochen, einfach so, ohne konkreten Grund. Die ganze angestaute Spannung hat sich entladen. Thomas hat mich in den Arm genommen und nichts gesagt. Manchmal ist Schweigen die beste Unterstützung.
Nach vier Wochen habe ich die Dosis reduziert, von zehn Kaugummis auf sechs am Tag. Nach acht Wochen auf drei. Nach drei Monaten brauchte ich nur noch einen am Morgen und einen nach dem Mittagessen. Und nach vier Monaten habe ich die Kaugummis ganz abgesetzt. Der Übergang war sanfter, als ich gedacht hatte. Mein Körper hatte sich Stück für Stück entwöhnt, und als ich den letzten Kaugummi wegließ, war der Unterschied kaum noch spürbar.
Die Veränderungen, die ich an mir bemerkt habe, waren erstaunlich. Nach zwei Wochen hat sich mein Geschmackssinn verändert. Ich bin an einem Samstag über den Striezelmarkt gebummelt, es war zwar erst Juni, aber ich bin an einer Bäckerei vorbeigekommen, und der Duft von frischem Eierschecken hat mich fast umgeworfen. So intensiv hatte ich das seit Jahren nicht wahrgenommen. Meine Kundinnen haben angefangen zu sagen, dass meine Hände besser riechen. Eine hat sogar gefragt, ob ich eine neue Handcreme benutze. Nein, habe ich gesagt, ich habe nur aufgehört zu rauchen.
Nach drei Monaten konnte ich wieder richtig Sport machen. Ich hatte vor Jahren Pilates angefangen, aber immer nach zwanzig Minuten aufgehört, weil ich keine Luft mehr bekam. Jetzt gehe ich zweimal die Woche in ein Studio in Blasewitz und schaffe die ganzen sechzig Minuten. Mein Rücken, der mich als Friseurin seit Jahren plaggt, ist besser geworden. Ich stehe aufrechter, atme tiefer, habe mehr Energie.
Mein absoluter Lieblingsmoment war letzten Oktober. Thomas und ich waren wandern in der Sächsischen Schweiz, hoch auf die Bastei. Ein Aufstieg, den ich als Raucherin nie geschafft hätte, ohne alle zehn Minuten keuchend stehenzubleiben. Aber ich bin einfach gegangen. Schritt für Schritt, ohne Pause, ohne Atemnot. Oben angekommen, mit Blick auf die Elbe und die Felsen, habe ich tief eingeatmet und die kalte, klare Herbstluft gespürt. Und ich habe begriffen, was ich mir all die Jahre genommen hatte. Nicht nur Gesundheit oder Geld, sondern die Fähigkeit, solche Momente wirklich zu erleben. Voll und ganz, mit allen Sinnen.
Finanziell habe ich in den knapp zwei Jahren über 5.000 Euro gespart. Eine Schachtel Pall Mall am Tag, das waren gut 8 Euro. Jeden Tag, 365 Tage im Jahr. Von dem Geld habe ich Thomas und mir eine Reise nach Prag geschenkt, unsere erste gemeinsame Städtereise. Wir sind über die Karlsbrücke gelaufen, haben im Cafe Slavia gesessen und Trdelnik gegessen. Ohne Zigarettenpause. Einfach nur das Leben genossen.
An alle Frauen und Männer, die überlegen, mit Nikotinkaugummi aufzuhören: Es funktioniert. Nicht über Nacht, nicht ohne Anstrengung, aber es funktioniert. Der Kaugummi nimmt die schlimmste körperliche Gier und gibt einem die Chance, sich auf die psychische Seite des Aufhörens zu konzentrieren. Findet eure Ersatzrituale, findet eure Unterstützer, und seid geduldig mit euch selbst. Rückschläge gehören dazu. Ich hatte Tage, an denen ich fast schwach geworden wäre. Aber fast ist nicht ganz.
Ich bin Birgit Neumann, 44, aus Dresden. 21 Jahre Raucherin. Und heute atme ich frei.