Wie ich nach 30 Jahren und einer COPD-Diagnose endlich rauchfrei wurde
Wie ich nach 30 Jahren und einer COPD-Diagnose endlich rauchfrei wurde
Mein Name ist Markus Braun, ich bin 53 Jahre alt und lebe in Köln. Seit dem 14. September 2025 bin ich rauchfrei. Nach dreißig Jahren. Dreißig Jahre, in denen ich mir jeden Morgen als Erstes eine Zigarette angezündet habe, bevor ich überhaupt richtig wach war. Dreißig Jahre, in denen ich bei jedem Wetter vor der Tür stand, weil meine Frau das Rauchen in der Wohnung nicht duldete. Dreißig Jahre, in denen ich mir selbst immer wieder gesagt habe: “Irgendwann hörst du auf.” Dieses Irgendwann kam dann nicht freiwillig. Es kam als Diagnose.
Der Anfang einer langen Sucht
Angefangen hat alles 1993, auf dem Schulhof des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums. Ich war 23, frisch aus der Bundeswehr zurück, und hatte gerade eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei Ford in Köln-Niehl begonnen. Die älteren Kollegen rauchten in der Pause alle, und ich wollte dazugehören. Die erste Zigarette war eine West. Sie schmeckte furchtbar, aber das Gefühl, Teil der Gruppe zu sein, war stärker als der Hustenreiz.
Innerhalb weniger Wochen rauchte ich eine halbe Schachtel am Tag. Nach einem Jahr war ich bei einer ganzen Schachtel. In meinen Dreißigern stieg der Konsum auf anderthalb Schachteln. An stressigen Tagen, wenn eine Maschine in der Produktion ausfiel und ich unter Zeitdruck reparieren musste, waren es manchmal zwei. Meine Marke wechselte über die Jahre: von West über Marlboro zu Gauloises Blondes, am Ende wieder zurück zu Marlboro Red. Als ob die Marke einen Unterschied gemacht hätte.
Der Weckruf
Im Sommer 2025 bemerkte ich, dass mir beim Treppensteigen die Luft wegblieb. Nicht ein bisschen, sondern richtig. Drei Stockwerke zu unserer Wohnung in Ehrenfeld, und oben stand ich keuchend im Flur, als hätte ich einen Sprint hinter mir. Meine Frau Petra drängte mich zum Arzt. Ich schob es wochenlang vor mir her, weil ich Angst vor dem hatte, was er sagen würde.
Am 8. September 2025 saß ich dann in der Praxis von Dr. Hoffmann in der Venloer Straße. Lungenfunktionstest, Röntgen, Blutbild. Das Ergebnis: COPD, Stadium II. Chronisch obstruktive Lungenerkrankung. Der Arzt sagte mir klipp und klar, dass meine Lunge irreversibel geschädigt sei. Dass es nicht besser werde. Dass ich aber den weiteren Verfall stoppen könne, wenn ich sofort aufhöre zu rauchen. “Sofort” war das Wort, das sich in meinen Kopf brannte.
Ich saß danach im Auto auf dem Parkplatz und heulte. Nicht weil ich Angst vor dem Tod hatte, obwohl die natürlich auch da war. Sondern weil ich an meine Tochter Lena dachte, die gerade ihr Studium in Aachen begonnen hatte, und an meinen Sohn Tim, der noch in der Oberstufe war. Ich wollte ihre Abschlüsse sehen. Ich wollte vielleicht irgendwann Großvater werden. Und ich wollte nicht mit einem Sauerstoffgerät am Rollator durch die Gegend laufen.
Die Entscheidung für Nikotinpflaster
Dr. Hoffmann empfahl mir eine Nikotinersatztherapie und überwies mich an eine Raucherentwöhnung in der Uniklinik Köln. Die Beraterin dort, eine erfahrene Pneumologin, schlug NicoDerm CQ vor, ein Nikotinpflaster, das in drei Stufen die Dosis reduziert: 21 mg, dann 14 mg, dann 7 mg. Der Plan war, über zwölf Wochen schrittweise herunterzufahren.
Ich hatte vorher zwei Mal versucht aufzuhören. Einmal 2008 mit purem Willen, was genau vier Tage hielt. Einmal 2015 mit Nikotinkaugummis, die mich nach zwei Wochen so genervt haben, dass ich wieder zur Zigarette griff. Diesmal sollte es anders laufen. Diesmal hatte ich eine Diagnose, die mir keine Wahl ließ.
Am 14. September, einem Sonntag, rauchte ich meine letzte Zigarette. Es war abends um halb zehn, auf dem Balkon. Ich rauchte sie bewusst, schaute über die Dächer von Ehrenfeld und sagte mir: Das war’s jetzt. Dann zerknüllte ich die restliche Schachtel und warf sie in den Müll.
Die ersten Wochen mit Pflaster
Am Montagmorgen klebte ich das erste NicoDerm CQ Pflaster auf meinen Oberarm. Das Gefühl war seltsam. Ich spürte, wie das Nikotin langsam in den Körper sickerte, aber es fehlte der Kick, den das Inhalieren einer Zigarette gibt. Dieser scharfe Zug, dieses Brennen in der Lunge, das ich dreißig Jahre lang mit Genuss verwechselt hatte.
Die ersten drei Tage waren die schlimmsten. Nicht wegen des körperlichen Entzugs, den fing das Pflaster einigermaßen ab. Sondern wegen der Gewohnheit. Jede Pause bei der Arbeit, jeder Kaffee, jeder Gang zum Auto, jeder Moment nach dem Essen: Mein Körper erwartete eine Zigarette. Meine Finger zuckten, mein Mund fühlte sich leer an. Ich lief in der Werkstatt auf und ab wie ein Tier im Käfig.
Mein Kollege Stefan, der vor drei Jahren selbst aufgehört hatte, wurde in dieser Zeit zu meinem wichtigsten Verbündeten. Er kannte das alles. Er sagte mir: “Markus, jedes Verlangen dauert höchstens fünf Minuten. Halt die aus, dann ist es vorbei.” Er hatte recht. Ich begann, die Minuten zu zählen, wenn ein Craving kam. Und tatsächlich: Nach drei, vier Minuten ließ der Druck nach.
Neue Routinen statt alter Gewohnheiten
In der zweiten Woche begann ich, meine Routinen bewusst umzubauen. Morgens trank ich meinen Kaffee nicht mehr auf dem Balkon, wo ich immer geraucht hatte, sondern am Küchentisch. In der Mittagspause ging ich eine Runde um den Block statt in den Raucherbereich. Nach dem Abendessen kaute ich auf einem Zahnstocher herum, was albern klingt, aber erstaunlich gut funktionierte.
Petra unterstützte mich, wo sie konnte. Sie kaufte Obst und Gemüse zum Snacken, sie fragte nie “Hältst du das durch?”, sondern sagte: “Ich bin stolz auf dich.” Diese kleinen Sätze waren Gold wert. Meine Tochter Lena schickte mir jeden Tag eine WhatsApp-Nachricht mit einem Daumen hoch oder einem kleinen Spruch. Mein Sohn Tim, der sonst eher wortkarg ist, sagte eines Abends am Esstisch: “Papa, du riechst jetzt besser.” Ich musste lachen und weinen gleichzeitig.
Die Dosisreduktion
Nach vier Wochen wechselte ich von 21 mg auf 14 mg. Der Übergang war spürbar, aber machbar. Ich war etwas reizbarer, schlief unruhiger und hatte an manchen Tagen ein Kribbeln in den Händen. Aber ich wusste, dass das vorübergehend war. Die Beraterin in der Uniklinik hatte mich gut vorbereitet.
Nach weiteren vier Wochen ging es runter auf 7 mg. Das war nochmal ein Einschnitt. Ich merkte, wie wenig Nikotin noch in meinem System war, und trotzdem funktionierte mein Tag. Ich konnte arbeiten, ich konnte schlafen, ich konnte lachen. Die Zigarette fehlte immer seltener. Was blieb, war manchmal ein kurzer Gedanke, ein Reflex, wenn jemand neben mir rauchte. Aber es war nur noch ein Gedanke, kein Verlangen mehr.
Der Tag ohne Pflaster
Nach zwölf Wochen, Anfang Dezember, klebte ich das letzte Pflaster ab und klebte kein neues drauf. Ich stand morgens auf und dachte: Heute bist du komplett nikotinfrei. Es war ein Dienstag, ein ganz normaler Arbeitstag. Und genau das war das Schöne daran. Es war kein dramatischer Moment, kein Kampf. Es war einfach der nächste Schritt.
Die folgenden Tage waren leichter als erwartet. Ja, es gab Momente, in denen der alte Reflex kurz aufflackerte. Beim Feierabendbier mit den Kollegen im Päffgen an der Friesenstraße. Beim Sonntagsspaziergang am Rhein, wo ich früher immer geraucht hatte. Aber diese Momente wurden kürzer und seltener.
Was sich verändert hat
Heute, über sechs Monate nach meiner letzten Zigarette, hat sich mein Leben grundlegend verändert. Meine Lungenfunktion hat sich zwar nicht komplett erholt, das geht bei COPD nicht, aber sie hat sich stabilisiert. Dr. Hoffmann sagt, die Werte sind sogar leicht besser geworden. Ich kann wieder drei Stockwerke steigen, ohne oben zu keuchen. Nicht ganz so locker wie mit zwanzig, aber ohne das Gefühl, gleich umzukippen.
Ich schmecke wieder. Petras Gulasch, das sie jeden Sonntag kocht, hat Aromen, die ich jahrelang nicht wahrgenommen habe. Der Kaffee am Morgen hat eine Tiefe, die unter dem Rauchgeschmack verschüttet war. Ich rieche den Frühling, wenn ich am Rhein entlang jogge. Ja, jogge. Ich habe im Januar angefangen, ganz langsam, drei Kilometer. Mittlerweile schaffe ich fünf.
Finanziell hat sich auch einiges getan. Anderthalb Schachteln Marlboro Red am Tag, das waren gut 15 Euro täglich. Über 450 Euro im Monat. In sechs Monaten habe ich fast 2.700 Euro gespart. Davon haben Petra und ich eine Woche Urlaub an der Nordsee gebucht, auf Sylt. Einfach so, weil wir es uns leisten konnten.
Mein Rat an andere
Wenn ich eines gelernt habe, dann das: Es braucht manchmal einen Schock, um aufzuwachen. Meine COPD-Diagnose war dieser Schock. Aber ich wünsche niemandem, dass es so weit kommen muss. Wenn du diesen Text liest und noch rauchst, dann frag dich: Worauf wartest du? Auf eine Diagnose? Auf den Moment, in dem es zu spät ist?
Die Nikotinpflaster haben mir den körperlichen Entzug erträglich gemacht. Aber was mich wirklich durchgetragen hat, waren die Menschen um mich herum. Meine Familie, mein Kollege Stefan, die Beraterin in der Klinik. Hol dir Hilfe. Erzähl den Leuten, dass du aufhörst. Lass dich unterstützen.
Und wenn du einen Rückfall hast, dann steh wieder auf. Ein Rückfall ist kein Versagen. Es ist ein Stolpern auf einem langen Weg. Ich bin zwei Mal gestolpert, bevor ich es beim dritten Mal geschafft habe. Aber ich habe es geschafft. Und das kannst du auch.
Ich bin Markus Braun, 53 Jahre alt, aus Köln. Ich habe dreißig Jahre geraucht und seit sechs Monaten nicht mehr. Meine Lunge ist nicht mehr die beste, aber sie arbeitet. Und sie wird weitermachen. So wie ich.