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36 Jahre Raucher, dann Schluss: Mein kalter Entzug mit 59

7 min read Updated March 29, 2026

Ich heiße Jürgen Beck, bin 59 Jahre alt und komme aus Nürnberg. Am 7. Januar 2025 habe ich meine letzte Zigarette ausgedrückt. Kalter Entzug. Kein Pflaster, kein Kaugummi, keine Tabletten. Einfach aufhören. Nach 36 Jahren.

Ich weiß, dass das für viele verrückt klingt. Mein Arzt hat mich angeschaut, als hätte ich ihm gesagt, ich wolle den Ärmelkanal durchschwimmen. Meine Tochter Lisa hat gesagt: Papa, bitte nimm wenigstens Pflaster. Aber ich bin ein sturer Franke, und wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann ziehe ich es durch. So war es immer, und so sollte es auch diesmal sein.

Angefangen habe ich mit dem Rauchen 1989. Ich war 23, hatte gerade meine Ausbildung als Werkzeugmacher bei Diehl abgeschlossen und den ersten richtigen Arbeitsvertrag unterschrieben. In der Werkstatt wurde geraucht, was das Zeug hielt. Das war damals noch normal, da hat kein Mensch ein Wort darüber verloren. Der Meister rauchte, die Gesellen rauchten, sogar die Lehrlinge rauchten heimlich auf dem Klo. Und ich, der Neue, wollte dazugehören. Die erste Zigarette habe ich fast ausgehustet, aber nach einer Woche schmeckte es mir, und nach einem Monat konnte ich mir einen Tag ohne gar nicht mehr vorstellen.

36 Jahre. Wenn ich das so schreibe, wird mir fast schwindelig. 36 Jahre lang war die Zigarette mein Begleiter durch alles: durch zwei Ehen, durch die Geburt meiner zwei Kinder, durch Jobwechsel und Umzüge, durch gute und schlechte Zeiten. Ich habe bei der Hochzeit geraucht, bei der Scheidung geraucht, auf dem Spielplatz geraucht, während meine Kinder auf der Rutsche saßen. Ich habe auf Beerdigungen geraucht und auf Geburtstagen. Die Zigarette war immer da.

Meine Marke war über Jahrzehnte West. Dann, als die teurer wurden, bin ich auf L&M umgestiegen. Zum Schluss habe ich Tabak gekauft und selber gedreht, weil mir die fertigen Zigaretten zu teuer geworden sind. Jeden Sonntagabend saß ich am Küchentisch und habe mir die Zigaretten für die ganze Woche vorgedreht. Ein trauriges Ritual, wenn ich heute darüber nachdenke. Wie ein Junkie, der sich seine Dosis vorbereitet.

Ich habe über die Jahre viele Versuche gemacht, aufzuhören. Der erste ernsthafte war 2003, als mein Sohn Daniel geboren wurde. Meine damalige Frau Heike hat mich angefleht: Hör auf, für das Kind. Ich habe es drei Tage ausgehalten. Drei elende Tage, in denen ich so gereizt war, dass Heike am dritten Abend gesagt hat, ich soll mir lieber eine anzünden, bevor ich die Wand einschlage. 2010 habe ich es mit Hypnose probiert. Hat genau einen Tag gewirkt. 2016 mit einem E-Zigaretten-Umstieg. Da habe ich dann beides gleichzeitig gemacht, die E-Zigarette und die normale, was die Sache nur noch schlimmer machte.

Der Wendepunkt kam am 2. Januar 2025. Silvester hatten wir bei meiner Tochter Lisa in Fürth gefeiert. Lisa, 32, Lehrerin, eine kluge und liebevolle Frau. Sie hatte ein paar Freunde eingeladen, es wurde gegessen und gelacht, und ich bin zum Rauchen immer vor die Tür gegangen, weil Lisa das in ihrer Wohnung nicht duldet. Als ich um kurz nach Mitternacht zum vierten oder fünften Mal draußen in der Kälte stand, bei minus acht Grad, ist Lisa zu mir rausgekommen. Sie hat sich neben mich gestellt, hat mich angeschaut und gesagt: Papa, ich wünsche mir nur eine Sache für das neue Jahr. Dass du aufhörst. Ich will dich noch lange haben.

Ich habe in dem Moment nichts gesagt. Aber als ich nach Hause kam und alleine in meiner Wohnung in Langwasser saß, konnte ich an nichts anderes mehr denken. Lisa will mich noch lange haben. Das hat sich in meinen Kopf eingebrannt. Mein eigener Vater ist mit 67 an einem Herzinfarkt gestorben. Er hatte sein ganzes Leben geraucht. Ich war 59. Noch acht Jahre, dann wäre ich so alt wie er damals.

Am 7. Januar, einem Dienstag, bin ich morgens aufgestanden, habe meinen restlichen Tabak genommen und ihn in den Müll geschmissen. Die Drehmaschine gleich hinterher. Die Aschenbecher. Die Feuerzeuge. Alles raus. Dann habe ich mir einen Kaffee gemacht und zum ersten Mal seit 36 Jahren keinen dazu geraucht. Meine Hand hat gezittert, als ich die Tasse zum Mund geführt habe. Nicht vom Koffein.

Die ersten drei Tage waren die Hölle. Ich übertreibe nicht. Ich war so gereizt, dass ich mich in der Firma bei jedem Kleinen entschuldigen musste. Mein Vorarbeiter, der Karl, hat mich beiseitegenommen und gefragt, ob alles in Ordnung sei. Als ich ihm gesagt habe, dass ich mit dem Rauchen aufgehört habe, hat er mich angeschaut und gesagt: Respekt, Jürgen. Ich schaff das nie. Und dann hat er mir seine Lakritze angeboten. Von da an hatte ich immer eine Tüte Haribo Lakritz-Schnecken in der Hosentasche. Das Kauen hat geholfen, es hat dem Mund etwas zu tun gegeben.

Woche eins war körperlich am schlimmsten. Kopfschmerzen, die sich anfühlten, als würde jemand von innen gegen meine Stirn drücken. Schlafstörungen, obwohl ich todmüde war. Ein ständiges Kribbeln in den Händen. Und das Verlangen, dieses allgegenwärtige, bohrende Verlangen, das sich in jede Sekunde meines Tages drängte. Morgens beim Aufstehen. In der Frühstückspause. Nach dem Mittagessen. Auf dem Heimweg. Abends vor dem Fernseher. Es war, als würde ein Teil von mir fehlen.

Was mir durch diese erste Woche geholfen hat, war Bewegung. Nicht Sport im klassischen Sinne, dafür war ich in keiner Verfassung. Aber ich bin gelaufen. Jeden Abend nach der Arbeit bin ich eine Stunde durch Langwasser spaziert, durch den Volkspark Dutzendteich, am See entlang. Bei Wind und Wetter. Die kalte Januarluft in den Lungen hat sich anfangs wie Nadeln angefühlt, aber nach ein paar Tagen wurde es besser. Und jedes Mal, wenn ich von meinem Spaziergang zurückkam, war das Verlangen ein kleines Stück schwächer.

In Woche zwei kamen die psychischen Herausforderungen. Der körperliche Entzug ließ nach, aber die Gewohnheit schrie nach Erfüllung. Mein schlimmster Trigger war die Mittagspause auf der Arbeit. Seit fast 30 Jahren bin ich mit den Kollegen raus zum Rauchen gegangen. Das war nicht nur die Zigarette, das war Gemeinschaft, Gespräch, Austausch. Plötzlich stand ich nicht mehr dabei, und ich fühlte mich ausgeschlossen. Also habe ich mir angewöhnt, in der Mittagspause einen kurzen Spaziergang um den Block zu machen und mir dabei einen Podcast anzuhören. Kriminalhörspiele vom Bayerischen Rundfunk, die haben mich so gefesselt, dass ich manchmal das Verlangen darüber vergessen habe.

Mein Sohn Daniel, 26, der in München studiert, hat mir auch sehr geholfen. Er hat mir eine WhatsApp-Gruppe aufgemacht, nur für uns zwei, und mich jeden Tag gefragt, wie es läuft. An den guten Tagen habe ich ihm einen Daumen nach oben geschickt. An den schlechten Tagen habe ich ihm geschrieben, wie es mir wirklich geht. Und er hat immer das Richtige gesagt. Mal aufmunternd, mal nüchtern, mal lustig. Einmal hat er mir geschrieben: Papa, du bist der härteste Typ, den ich kenne. Wenn du das nicht schaffst, schafft es keiner. Das habe ich ausgedruckt und an meinen Badezimmerspiegel gehängt.

Der schwierigste Moment in den ersten Wochen war ein Freitagabend Ende Januar. Ich war alleine zu Hause, es lief nichts Gutes im Fernsehen, draußen regnete es, und ich hatte einen miserablen Tag auf der Arbeit gehabt. Alles in mir schrie nach einer Zigarette. Nur eine einzige, eine einzige wird doch nichts machen. Ich bin tatsächlich aufgestanden, habe meine Jacke angezogen und bin zur Tankstelle an der Gleißhammerstraße gegangen. Ich stand vor dem Tresen, der Verkäufer hat mich angeschaut, und ich habe gesagt: Eine Packung… und dann habe ich an Lisa gedacht. Ich will dich noch lange haben. Ich habe den Satz nicht beendet. Ich habe stattdessen eine Flasche Wasser gekauft und bin nach Hause gegangen. Das war mein Sieg. Nicht der Tag, an dem ich aufgehört habe. Dieser Moment in der Tankstelle, das war mein wahrer Sieg.

Nach sechs Wochen hat sich mein Geschmackssinn komplett verändert. Ich gehe seit Jahren jeden Samstag auf den Hauptmarkt in Nürnberg, die berühmten Nürnberger Rostbratwürste kaufen. Nach sechs Wochen ohne Rauchen habe ich reingebissen und gedacht: Die schmecken ja komplett anders. Viel intensiver, viel würziger. Als hätte ich sie all die Jahre durch eine Schicht Asche hindurch geschmeckt.

Heute, über ein Jahr nach meiner letzten Zigarette, bin ich ein anderer Mensch. Ich gehe jeden Tag spazieren, bei jedem Wetter. Ich habe zehn Kilo zugenommen, das will ich nicht schönreden, aber mein Arzt sagt, er nimmt lieber zehn Kilo mehr als die Zigaretten. Ich arbeite daran, ich habe angefangen, Fahrrad zu fahren, und es wird langsam besser. Mein Husten ist weg. Dieser chronische Raucherhusten, der mich jeden Morgen gequält hat, der ist einfach verschwunden. Mein Atem riecht normal. Meine Wohnung riecht normal. Meine Klamotten riechen normal. Ich muss nicht mehr alle paar Stunden nach draußen rennen, egal ob es regnet, schneit oder die Sonne knallt.

Lisa hat mir zum Jahrestag meines Rauchstopps eine Karte geschrieben. Da stand: Papa, du hast mir das schönste Geschenk gemacht. Danke. Die Karte liegt auf meinem Nachttisch, und ich schaue sie mir an, wenn es mal schwierig wird.

An alle, die überlegen, kalt aufzuhören: Es ist brutal, aber es geht. Der körperliche Entzug dauert ein paar Wochen, die Gewohnheit braucht länger. Aber jeder Tag wird ein bisschen leichter. Und wenn es euch zu hart ist ohne Hilfsmittel, dann nehmt welche. Es gibt keinen falschen Weg, solange er zum Ziel führt. Das Einzige, was zählt, ist, dass man aufhört.

Ich bin Jürgen Beck, 59, aus Nürnberg. 36 Jahre Raucher. Und jetzt frei.