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Nikotinpflaster und Therapie: Wie ich mit 36 rauchfrei wurde

7 min read Updated March 29, 2026

Nikotinpflaster und Therapie: Wie ich mit 36 rauchfrei wurde

Ich bin Claudia Meyer, 36 Jahre alt, lebe in München-Schwabing und arbeite als Erzieherin in einer Kindertagesstätte. 13 Jahre lang habe ich geraucht, heimlich, voller Scham und mit dem ständigen Gefühl, eine Heuchlerin zu sein. Seit dem 1. Juni 2025 bin ich rauchfrei, dank einer Kombination aus Nikotinpflastern und Verhaltenstherapie. Das ist jetzt zehn Monate her, und jeder Tag fühlt sich wie ein Geschenk an.

Die rauchende Erzieherin

Stellt euch vor: Ihr bringt euer Kind in die Kita, und die Erzieherin, die sich um euer Dreijähriges kümmert, raucht in jeder Pause eine Zigarette. Die Frau, die eurem Kind beibringt, gesund zu essen und draußen zu spielen, steht hinter dem Gebäude und inhaliert Gift. Das war ich.

Angefangen hat alles mit 23, im Studium. Ich habe an der Katholischen Stiftungshochschule in München Sozialpädagogik studiert, und in meinem Freundeskreis haben viele geraucht. Auf den WG-Partys in der Maxvorstadt, beim Lernen in der Bibliothek (davor, natürlich), beim Ausgehen in der Türkenstraße. Meine Marke war Camel Blue, die leichte Variante. Als ob das irgendeinen Unterschied macht.

13 Jahre lang habe ich etwa 10 bis 12 Zigaretten am Tag geraucht. Weniger als viele andere, aber regelmäßig, jeden Tag, ohne Pause. Morgens die erste auf dem Weg zur Arbeit, im Auto. In der Mittagspause die zweite und dritte hinter der Kita, wo die Eltern es nicht sehen konnten. Feierabend, die vierte. Abends dann noch fünf oder sechs, beim Fernsehen, beim Lesen, beim Telefonieren.

Die Scham

Das Schlimmste am Rauchen war für mich die Scham. In meinem Beruf arbeite ich mit Kindern. Ich bringe ihnen bei, auf ihren Körper zu achten. Ich rede mit den Eltern über gesunde Ernährung und Bewegung. Und dann gehe ich raus und rauche.

Ich habe alles getan, um es zu verbergen. Ich habe mir nach jeder Zigarette die Hände gewaschen, Mundspray benutzt, die Jacke gewechselt. Ich hatte immer eine Dose Fisherman’s Friend in der Tasche. Trotzdem hat mich einmal eine Mutter angesprochen: „Frau Meyer, rauchen Sie? Ich habe es gerochen.” Ich habe gelogen. „Nein, das war eine Kollegin, die neben mir stand.” Diese Lüge hat mich noch monatelang verfolgt.

Mein Partner Jens ist Nichtraucher und Sportler. Er läuft Marathon und achtet auf seine Ernährung. Er hat mein Rauchen nie kommentiert, nie kritisiert. Aber ich habe gesehen, wie er manchmal die Nase gerümpft hat, wenn ich vom Balkon reinkam. Dieses leichte Stirnrunzeln, das er wahrscheinlich selbst nicht bemerkt hat. Ich habe es jedes Mal bemerkt.

Der Entschluss

Im April 2025 hatten wir in der Kita einen Gesundheitstag. Ein Arzt vom Gesundheitsamt kam und hat den Kindern erklärt, warum Bewegung und gesunde Ernährung wichtig sind. Am Ende hat ein fünfjähriger Junge gefragt: „Und was ist mit Rauchen? Mein Opa raucht, und der hustet immer.”

Der Arzt hat kindgerecht erklärt, warum Rauchen schädlich ist. Und dann hat Lina, ein Mädchen aus meiner Gruppe, mich angeschaut und gesagt: „Gut, dass du nicht rauchst, Claudia.”

In diesem Moment ist etwas in mir zerbrochen. Dieses Kind vertraut mir. Und ich belüge es. Jeden einzelnen Tag.

An dem Abend habe ich Jens alles erzählt. Nicht, dass er es nicht wusste, natürlich wusste er es. Aber ich habe ihm zum ersten Mal gesagt, wie sehr ich darunter leide. Wie sehr die Scham mich frisst. Und dass ich aufhören will, aber nicht weiß, wie.

Jens hat mich in den Arm genommen und gesagt: „Dann holen wir uns Hilfe.”

Der Doppelansatz: Pflaster und Therapie

Meine Hausärztin Dr. Lehmann hat mir zwei Dinge empfohlen: Nikotinpflaster für den körperlichen Entzug und eine kognitive Verhaltenstherapie für die psychische Seite. Sie hat gesagt, die Kombination habe die höchste Erfolgsrate.

Für die Pflaster habe ich Nicorette TX bekommen, beginnend mit der höchsten Stufe, obwohl ich weniger geraucht habe als viele andere. Dr. Lehmann hat erklärt, dass es weniger um die Anzahl der Zigaretten geht als darum, wie abhängig man ist. Und der Fagerström-Test, den sie mit mir gemacht hat, hat gezeigt: Ich war stark abhängig.

Für die Therapie hat sie mich an eine Psychologin überwiesen, Frau Hartung, die sich auf Suchtverhalten spezialisiert hat. Ihre Praxis ist in Schwabing, nur zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt. Die Kosten hat meine Krankenkasse, die Barmer, übernommen, weil es als Verhaltenstherapie bei Abhängigkeitserkrankung gilt.

Die Therapie: Den Kopf aufräumen

Frau Hartung hat mir in den ersten Sitzungen geholfen, meine Beziehung zum Rauchen zu verstehen. Warum ich angefangen habe, welche Funktion die Zigaretten in meinem Leben hatten, und warum die Scham allein nicht ausgereicht hat, um aufzuhören.

Wir haben herausgearbeitet, dass das Rauchen für mich mehrere Funktionen hatte. Erstens: Stressabbau. Der Kita-Alltag ist anstrengend, 20 Kinder zwischen drei und sechs Jahren, den ganzen Tag. Die Zigarette in der Pause war meine fünf Minuten Ruhe. Zweitens: Belohnung. Nach einem schwierigen Tag habe ich mir abends eine Zigarette „gegönnt”. Drittens: Zugehörigkeit. Zwei meiner Kolleginnen rauchten auch, und die Raucherpause war unsere gemeinsame Zeit.

Für jede dieser Funktionen haben wir Alternativen entwickelt. Stressabbau: Atemübungen, fünf Minuten stille Meditation in der Garderobe. Belohnung: Ein Stück gute Schokolade, eine Folge meiner Lieblingsserie, ein heißes Bad. Zugehörigkeit: Mit den Kolleginnen einen Tee trinken statt rauchen.

Frau Hartung hat mir auch geholfen, die Scham zu verarbeiten. Sie hat gesagt: „Claudia, Sucht ist keine Charakterschwäche. Sie ist eine Erkrankung. Und Sie tun jetzt etwas dagegen. Darauf können Sie stolz sein.”

Der Rauchstopp

Am 1. Juni 2025 war es so weit. Pflaster aufgeklebt, letzte Zigarette am Vorabend geraucht, Aschenbecher weggeworfen. Jens hat den Balkon geschrubbt, damit kein Rauchgeruch mehr daran erinnert.

Die ersten Tage mit Pflaster waren überraschend mild. Körperlich hatte ich kaum Entzugserscheinungen. Leichte Kopfschmerzen, etwas Unruhe, aber nichts Dramatisches. Die Pflaster haben ihren Job gemacht.

Psychisch war es eine andere Geschichte. Am zweiten Tag hatte ich in der Kita eine anstrengende Situation: Ein Kind hat geweint, ein anderes hat sich wehgetan, und zwei Eltern haben sich beschwert. In der Mittagspause bin ich automatisch nach hinten zum Rauchereck gegangen. Ich stand da, ohne Zigarette, und habe mich gefühlt wie ein Fremdkörper. Dann habe ich mich auf die Bank gesetzt, die Augen geschlossen und die Atemübung gemacht, die ich mit Frau Hartung geübt hatte. Vier Sekunden einatmen, vier Sekunden halten, sechs Sekunden ausatmen. Dreimal. Und es hat geholfen.

Die Wochen danach

In der Therapie bei Frau Hartung habe ich jede Woche meine Erfahrungen besprochen. Die schwierigen Momente, die Versuchungen, aber auch die Erfolge.

In der dritten Woche kam die erste wirklich harte Versuchung. Meine Freundin Kathi und ich saßen im Biergarten am Chinesischen Turm. Sommer in München, eine kühle Maß, und Kathi hat sich eine Zigarette angezündet. Der Geruch hat mich getroffen wie ein Schlag. Nicht eklig, sondern verlockend. Mein Körper hat reagiert: Herzklopfen, feuchte Hände, Kribbeln.

Ich habe zu Kathi gesagt: „Ich muss kurz aufstehen.” Bin zur Toilette gegangen, habe mir kaltes Wasser ins Gesicht gewaschen und mir selbst im Spiegel gesagt: „Du bist Nichtraucherin. Seit 21 Tagen. Du willst das nicht kaputt machen.” Dann bin ich zurückgegangen, habe mein Radler bestellt und weitergemacht.

Solche Momente kamen in den ersten drei Monaten regelmäßig. Aber jedes Mal, wenn ich sie überstanden habe, wurde ich stärker. Frau Hartung hat das den „Muskel der Selbstkontrolle” genannt. Je öfter man ihn trainiert, desto kräftiger wird er.

Das Stufenprogramm

Die Pflaster habe ich nach Plan reduziert. Sechs Wochen die höchste Stufe, vier Wochen die mittlere, zwei Wochen die niedrigste. Am Ende der zwölf Wochen war ich komplett nikotinfrei.

Der Absprung von der letzten Stufe war der Moment, vor dem ich am meisten Angst hatte. Ohne jedes Nikotin, zum ersten Mal seit 13 Jahren. Aber die Therapie hatte mich darauf vorbereitet. Frau Hartung und ich hatten einen detaillierten Plan für die erste Woche ohne Pflaster erstellt. Jeden Tag eine Belohnung, jeden Abend eine Entspannungsübung, bei akutem Verlangen sofort eine Ablenkungsstrategie.

Es war machbar. Nicht leicht, aber machbar. Am dritten Tag ohne Pflaster habe ich am Abend geweint, einfach so, ohne konkreten Grund. Frau Hartung hat erklärt, dass unterdrückte Emotionen hochkommen können, wenn das Nikotin weg ist, weil Nikotin auch ein Gefühlsregulator ist. Das zu wissen hat geholfen, weil ich verstanden habe, dass es normal ist.

Die Verwandlung

In den Monaten nach dem Rauchstopp hat sich vieles verändert. Mein Geschmackssinn ist explodiert. Ich bin sowieso gerne auf dem Viktualienmarkt und koche gern, aber jetzt schmecke ich Unterschiede, die ich vorher nicht wahrgenommen habe. Der Unterschied zwischen einem normalen Tomaten und einer alten Sorte vom Bauernmarkt. Der Duft von frischem Basilikum. Die Nuancen eines guten Olivenöls.

Meine Haut hat sich verändert. Nicht über Nacht, aber über Wochen. Mein Teint ist frischer, rosiger. Eine Kollegin hat mich gefragt, ob ich im Urlaub war. Nein, ich habe nur aufgehört, mich zu vergiften.

Und das Beste: Lina, das Mädchen aus meiner Kita-Gruppe, hatte recht. Ich rauche nicht. Und jetzt ist es die Wahrheit.

Die Kosten und die Ersparnisse

Die Nicorette-Pflaster haben mich über die zwölf Wochen etwa 180 Euro gekostet. Die Therapie bei Frau Hartung wurde von der Barmer übernommen, nach Genehmigung durch den medizinischen Dienst. Man braucht dafür eine Überweisung und einen Antrag, aber der Aufwand lohnt sich.

Seit dem Rauchstopp habe ich in zehn Monaten etwa 1.600 Euro an Zigaretten gespart. Davon habe ich Jens und mir ein Wochenende in Garmisch-Partenkirchen geschenkt. Wandern in den Bergen, frische Luft, klarer Kopf. Das war unbezahlbar.

Mein Rat

Wenn du rauchst und Scham empfindest, bist du nicht allein. Viele Raucher schämen sich, besonders wenn sie in Berufen arbeiten, in denen Gesundheit wichtig ist. Aber Scham allein bringt dich nicht weiter. Du brauchst Werkzeuge.

Die Kombination aus Nikotinpflastern und Verhaltenstherapie war für mich der Schlüssel. Die Pflaster nehmen den körperlichen Druck, die Therapie gibt dir die mentalen Strategien. Zusammen sind sie stärker als die Sucht.

Frag bei deiner Krankenkasse nach, ob sie eine Verhaltenstherapie bei Nikotinabhängigkeit übernimmt. Viele gesetzliche Kassen in Deutschland tun das. Und die Pflaster kosten weniger als Zigaretten.

Ich bin Claudia, 36, Erzieherin in München. Ich bin Nichtraucherin. Und zum ersten Mal in 13 Jahren muss ich dabei nicht lügen.